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cid Groß-Gerau - Die Aufnahme der GoPro Fusion lässt sich an dem mobilen Gerät abrufen und bearbeiten. Marcus Efler / cid

Kleiner Planet in der Kamera

Der Action-Cam-Pionier GoPro erweitert sein Modellprogramm um die Fusion, die Videos und Fotos als 360-Grad-Panorama aufnimmt. Die Amerikaner versprechen eine besonders leichte Nachbearbeitung. Ein Test klärt, ob das stimmt.


Kompakte Rundum-Kameras, um die Umgebung quasi aus dem Handgelenk mit 360 Grad aufzunehmen, gibt es bereits einige auf dem Markt: Etwa Nikons KeyMission 360 oder die Garmin Virb 360. Anders als der bei der Action Cam Hero ist GoPro also nicht der Erfinder dieses Segments, wenn der kalifornische Hersteller jetzt mit seiner immerhin 730 Euro teuren Fusion startet. Damit ist sie nicht das preisgünstigste Gerät, und auch nicht das kleinste: Das neue Modell ist ein ziemlich ausladendes Teil, das ein wenig aussieht wie zwei Heros, die aneinander geklebt und dann wie ein Schnitzel platt geklopft wurden.

Technisch betrachtet ist dieser erste Eindruck gar nicht so abwegig: In dem Gehäuse aus GoPro-typisch robustem Kunststoff stecken im Grunde zwei Action-Cams des Typs Hero5 Rücken an Rücken, blicken ihre 180-Grad-Weitwinkel-Objektive in entgegengesetzte Richtungen, und fangen die Welt gemeinsam in einem Video mit 5,2-K-Auflösung ein.

Entsprechend dieses Konzeptes sind auch zwei Micro-SD-Karten einzulegen, die schon eine gewisse Schreib-Geschwindigkeit ermöglichen sollten. So gerüstet, muss sich der Videofilmer nicht mehr um viel kümmern; die über eine Menü-Taste oder die App möglichen Einstellungen kann er getrost ignorieren und der Automatik überlassen.

Also Kamera am Stick mit der GoPro-Systemhalterung hochgehalten, oder in der Mitte irgendeiner Action platziert (Snowboard-Park, Familienfeier...), den markentypischen schwarzroten Auslöser gedrückt, und das Kästchen zeichnet auf. Natürlich knipst es auch Fotos, aber die Grundidee solcher Cams ist eher das Filmen - und anschließende Teilen über soziale Netzwerke.

Und genau hier hofft GoPro, die Konkurrenz trotz des späteren Starts überflügeln zu können. Die Verschmelzung mit Apps, die schnelle und einfache Verarbeitung der Aufnahmen an Smartphone oder Tablet gehört seit jeher den Domänen der Kultmarke aus dem Silicon Valley und hat, nach einigen Hängern, mittlerweile eine Perfektion erreicht, die dem ganzen Ökosystem einen meilenweiten Vorsprung vor der (teilweise deutlich preiswerteren) Konkurrenz sichert. Davon soll nun auch die Fusion profitieren.Tatsächlich funktioniert die Anbindung, nach einer etwas fummeligen Erst-Einrichtung, tadellos. IPhone und Co. dienen dann auch als Display, was man aber nicht wirklich braucht, wenn ohnehin alles rundherum auf den Chip gebannt wird.

Die Aufnahme lässt sich dann an dem mobilen Gerät abrufen und bearbeiten. So kann man im Modus "Overcapture" das Stück aus der 360-Grad-Torte, das später im fertigen Video zu sehen sein soll (der Snowboarder mit seinem Kunststück, Onkel Franz beim Bechern auf der Familienfeier), beliebig per Touch-Gesten anwählen - oder in dem man Tablet/Smarthone in jene Himmelsrichtung dreht beziehungsweise entsprechend kippt. Im Modus "Little Planet" lässt sich das komplette Rundum-Panorama auch auf eine Art kleiner Weltkugel packen, was durchaus verblüffende Effekte erzeugt.

Das alles klappt wunderbar und relativ selbsterklärend; das so entstandene Video lässt sich dann sofort teilen, speichern oder in der GoPro-eigenen Cloud sichern. Die Bildqualität ist hervorragend - nur dort, wo die Bilder beider Kameras zusammengefügt werden, bleibt eine unschöne Kante, der Stitch. Die Stange dagegen, auf der die Fusion aufrecht im Lollipop-Stil sitzt, rechnet die Software heraus; sie ist im Video nicht zu erkennen. Profis und ambitionierte Amateure können die Rohdaten von der Speicherkarte natürlich auch auf den PC laden und dort weiterverarbeiten - mit der kostenlosen Software von GoPro rudimentär, oder ausgiebig mittels Kauf-Software wie Premiere Pro und Final Cut. Dann lässt sich das Video beispielsweise auch für Virtual-Reality-Brillen anpassen.

Aber das sind derzeit eher noch Profi-Anwendungen. Der Outdoor-Freak, oder auch Papi auf Ski-Tour, wollen es unkompliziert - und das bekommen sie bei der Fusion zweifellos. Ob die 360-Grad-Cam das ganz breite Publikum erreicht wie die normale Hero, ist trotzdem eher unwahrscheinlich. Die Firma aus San Mateo, die bei Umsatz und Aktienkurs nach den früheren Höhenflügen derzeit schwächelt, und die ihre gerade erst mit viel Hoffnung gestartete Drohne Karma schon wieder fallen lässt, sie könnte einen großen Erfolg derzeit gut gebrauchen. Die Fusion wird vielleicht zumindest ein kleiner.

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